Wir erleben in unseren Workshops immer wieder mal, dass Teilnehmer*innen mit einer oder zwei Stärken ein auf Kriegsfuß stehen. Heißt: sie wissen zwar, dass sie sich oft so verhalten, wie es in der Auswertung beschrieben ist, empfinden das aber eher als Last oder Bürde. Sie haben nicht (mehr) auf dem Schirm, dass diese Stärke eigentlich etwas Wertvolles ist und ihnen wichtige Dienste leistet.

Warum leiden wir unter manchen Stärken?

Jede Stärke ist grundsätzlich etwas Positives – wenn wir sie nicht übertrieben einsetzen. Genau dann rutscht sie uns nämlich auf die Schattenseite und schadet uns. Ein paar Beispiele:

  • Wer zu fokussiert ist, kann engstirnig werden.
  • Wer zu umsetzungsstark ist, legt einfach los, ohne zu überlegen, ob es sinnvoll ist.
  • Wer seine Achtsamkeit zu stark lebt, kann entscheidungsunfähig werden.

Das gilt für alle 24 Stärken in unserem StärkenRadar. Jede Stärke hat potenziell auch eine Schattenseite. Manche Stärken kippen uns etwas leichter auf die Schattenseite als andere. Besonders häufig trifft das auf folgende Stärken zu.

Vor allem diese Stärken werden von manchen Menschen als Last empfunden

Verantwortung: Wird Verantwortung zu stark gelebt, dann fällt es der Person schwer nein zu sagen. Es werden immer mehr Aufgaben angehäuft. Und natürlich hat sie den Anspruch, alle Aufgaben korrekt und ganz durchzuführen. Der immer größere Aufgabenberg und der hohe Anspruch an sich selbst, führen ganz häufig zu großem Frust und zu Überforderung.

Empathie: Wer die Stärke Empathie zu heftig auslebt, läuft Gefahr, ständig im Außen zu sein. Man leidet mit, wenn es der Kollegin schlecht geht, wenn die Nachbarin krank ist, wenn die Tochter wieder nicht die ersehnte Beförderung bekommen hat. Manche sind so feinfühlig, dass sie spüren, wenn ihr Gegenüber bedrückt oder wütend ist. Egal wie sehr die Person das kaschieren möchte. In solchen Situationen denken sie sich: „Oh, die ist aber sauer. Was habe ich ihr bloß getan.“ und beziehen die Situation auf sich.

Harmonie: Strebt jemand zu sehr nach Harmonie, vergisst er/sie häufig sich selbst. Oder stellt sich sogar bewusst hinten an. Die eigenen Bedürfnisse werden entweder ignoriert oder weitestgehend zurückgedrängt. Wichtiger als das eigene Wohl ist das Wohl der Gruppe. Konflikte werden meist gescheut. Es wird sogar versucht, jeglichen potenziellen Konflikt schon im Vorfeld im Keim zu ersticken. Meistens auf Kosten der eigenen Person.

Man kann sich gut vorstellen, dass es den betroffenen Personen schwer fällt, das Positive an den Stärken zu erkennen.

Was kannst du tun, wenn du eine Stärke auf der Schattenseite lebst

Es gibt ein paar Methoden, um deine Stärke wieder auf die Sonnenseite zu bringen:

1) Reframing
Wie bereits beschrieben, verlieren wir schnell aus den Augen, dass die Stärke auf der Schattenseite in ihrer Urform ein sehr wertvolles Werkzeug für uns ist. Deshalb ist es sinnvoll, dass wir uns das noch einmal ins Bewusstsein rufen. Folgende Fragen können dabei helfen, den Perspektivwechsel auf die positive Seite hinzubekommen (Reframing):

Auch wenn mich die Stärke manchmal einschränkt. Was hat mir genau diese Stärke bisher ermöglicht?

In welchen Situationen bin ich sehr froh darum, dass ich mich auf die Stärke verlassen kann?

Wann ist diese Stärke für mein berufliches oder privates Umfeld von großem Nutzen?

 

Zu den drei oben besprochenen Stärken jeweils ein paar positive Aspekte:

Verantwortung: Dinge bis zum Ende erledigen / wichtige Aufgaben anvertraut zu bekommen / Vertrauen beim Partner oder Kundin gewinnen …

Empathie: echte Beziehungen zu Menschen aufbauen / Vertrauen von Kolleg*innen, Kund*innen, Freund*innen und Familie aufbauen / schnell erkennen, wenn sich jemand unwohl fühlt

Harmonie: Konflikte schon im Vorfeld erkennen und umschiffen / ein ausgleichendes Element im Team sein / den Blick auf alle Teammitglieder haben (niemand fällt hinten runter)

2) Andere Stärken als Ausgleich

Wir tragen ja alle mehr als nur die eine Stärke in uns, die uns manchmal zu schaffen macht. Vielleicht hast du ja auch eine Stärke unter deinen Top 8, die dafür sorgen kann, dass du die Stärke nicht auf der Schattenseite lebst.

Verantwortung: Die Stärke Leichtigkeit könnte z.B. dafür sorgen, dass du nicht allzu streng bist, wenn dir ein Fehler passiert. Mit deiner Planung könntest du deine Workload im Vorfeld festlegen, wie viel du dir zumuten möchtest. Dann fällt dir das Nein-Sagen leichter.

Empathie: Mit Meta-Ebene fällt es dir leichter zwischen der Beziehungs- und Sachebene zu unterscheiden. Du weißt, was wirklich etwas mit dir zu tun hat. Und du kannst ein bisschen besser abgrenzen.

Harmonie: Die Empathie zeigt dir an, wann deine eigenen Bedürfnisse unter die Räder kommen. Du merkst, dass es dir nicht gut geht. Logik und Meta-Ebene helfen dir, Konflikte sehr sachlich anzusprechen, ohne dass die Situation zu eskalieren droht. Dazu gehört natürlich Übung, aber es funktioniert.

Stärken auf Sonnenseite

Was auch nerven kann: 2 Herzen in deiner Brust zu tragen

Vielleicht hast du in deiner Stärken-Kombination zwei Stärken, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Ich habe eine kleine Hassliebe zu einer meiner Stärken. Und zwar zu meiner Flexibilität.
Auf Platz 1 ist seit 10 Jahren bei mir die Fokussierung. Ich brauche klare Ziele. Am besten selbst gesteckte. Und ich mag es, auf diese Ziele zuzuarbeiten.

Manchmal kommt dann die Flexibilität ums Eck. Sie wünscht sich Abwechslung. Nicht immer das Gleiche machen. Lieber mal Neues zwischendrin.
Das ist vor allem dann verführerisch, wenn ich auf dem Weg zum Ziel eine kleine Durststrecke erlebe. Es gerade ein bisschen zäh wird. Genau dann präsentiert mir die Flexibilität eine neue Geschäftsidee und zieht die Aufmerksamkeit vom anfokussierten Ziel weg.

Wie gehe ich mit den zwei Herzen um?

1) Reframing
Zum einen, habe ich für mich die Flexibilität reframed (siehe oben). In vielen Situationen, leistet sie mir unbezahlbare Dienste. Der Workshopraum ist viel zu heiß? Kein Problem. Innerhalb von 10 Minuten haben wir den Workshop nach draußen verlegt.
Der Zug fällt aus? Nicht geil, aber der Flixbus ist gleich übers Smartphone gebucht.

2) Das Bedürfnis anerkennen
Das Bedürfnis der Flexibilität (Abwechslung) zu ignorieren, geht auf Dauer nicht gut. Deshalb ist es ein wichtiger Schritt, sich einzugestehen: „Die Stärke XY ist einfach ein Teil von mir.“ Und ich räume ihr auch Platz ein. Ich nehme andere Wege zum Bahnhof. Lass mich manchmal einfach durch eine Fremde Stadt treiben, bevor mein Zug zurück fährt. Im Zeitschriftenladen blättere ich durch Magazine, die ich sonst nie lesen würde. Dann ist meine Flexibilität auch erstmal zufrieden.

3) Das Beste aus beiden Welten
Die Champions League ist es, wirklich beide Bedürfnisse in Einklang zu bringen. Das beste aus beiden Welten lebe ich, wenn ich ein klares Ziel für den Tag habe und immer, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, meine Flexibilität bewusst einzusetzen. Der Zwerg muss Fürher aus dem Kindergarten abgeholt werden? Alles klar, dafür setz ich mich um 20:00 Uhr nochmal hin. Bis dahin genieß ich die neugewonnene Zeit mit meinem Sohnemann.

Stärken im falschen Kontext

In seltenen Fällen leiden Leute auch unter ihren Stärken, wenn sie sie im „falschen“ Kontext einsetzen.
Stell dir jemanden vor, der viel Kreativität in sich trägt und in einem Unternehmen arbeitet, in dem das Mantra „Das haben wir schon immer so gemacht“ ausgelebt wird.

Oder jemanden, die/der Expertise als Stärke in sich trägt. Sie/er möchte es genau wissen und fragt eben häufig nach dem Warum oder wie etwas genau funktioniert. In einem Umfeld, in dem Hinterfragen unerwünscht ist und ausschließlich stupide Umsetzung gefragt ist, wird sich sie/er nicht wohl fühlen.

In beiden Beispielen können die Leute ihre Stärken und Bedürfnisse nicht ausleben. Oder müssen vielleicht sogar negative Konsequenzen befürchten, wenn sie sie ausleben.

Auf Dauer wird das nicht gut gehen. Vielleicht sollte man dann darüber nachdenken, den Kontext zu wechseln, um die eigenen Bedürfnisse nicht ständig unterdrücken zu müssen.

Deep Dive in deine Stärken-Kobination

Vielleicht geht es dir ja auch so, dass du mit einer oder zwei deiner Stärken nichts anfangen kannst. Lass dich von einer*m unserer zertifizierten Coachs unterstützen. Im Deep Dive Coaching richtet ihr den Blick gemeinsam auf die positiven Aspekt deiner Stärken. Und ihr entwickelt einen Plan, wie du das Reframing gut hinbekommst oder andere Stärken nutzt, um nicht auf die Schattenseite zu kippen. Außerdem schaut ihr euch an, wie deine 8 Stärken miteinander wirken: Welche Stärken ergänzen sich und welche Stärken scheinen sich manchmal zu widersprechen? Hier geht’s direkt zum Deep Dive.